Deutschland

Modegeschäft eröffnen 2026: Anmeldung, Startkapital und Wareneinkauf — am Beispiel Herrenmode

Ein eigenes Modegeschäft zu eröffnen gehört zu den Gründungsideen, die sich am einfachsten anfühlen und am häufigsten an denselben drei Stellen scheitern: zu viel Kapital in Ware, die sich nicht dreht; eine Kalkulation, die Miete und Abschriften unterschätzt; und ein Sortiment ohne klares Profil, das frontal gegen Online-Händler antritt, statt ihnen auszuweichen. Die Formalitäten dagegen sind in Deutschland überschaubar — die Gewerbeanmeldung kostet je nach Gemeinde 15 bis 65 Euro.

Dieser Leitfaden geht die Gründung Schritt für Schritt durch: Konzept, Anmeldung und Steuern, realistische Startkosten, Wareneinkauf und Kalkulation. Wir schreiben ihn aus der Sicht eines Herstellers, der selbst Läden betreibt — Pomandi ist ein belgisches Anzughaus aus Genk mit eigener Fertigung in der Türkei — und zeigen am Ende, wie Sie als Fachhändler für Herrenanzüge ohne Franchise-Gebühr starten. Die Zahlen haben wir für 2026 geprüft; steuerliche Punkte ersetzen keine Beratung.

Erst das Konzept: warum ein klares Profil wichtiger ist als die Lage

Das allgemeine Modegeschäft mit Damen-, Herren- und Kinderbekleidung ist 2026 die schwierigste Variante. Es konkurriert direkt mit Filialisten und Online-Shops, bei denen der Kunde dasselbe Basic-Teil mit kostenloser Rücksendung bestellt. Stationär bestehen heute vor allem Geschäfte, die etwas verkaufen, das man anprobieren muss, bei dem Beratung zählt und das zu einem festen Anlass gekauft wird.

Herrenanlassmode ist dafür das Lehrbuchbeispiel. Ein Anzug muss sitzen, Ärmel und Hosenlänge werden oft angepasst, und der Kunde kommt mit einem Termin im Kopf: Hochzeit, Abiball, Vorstellungsgespräch, Trauerfall, Firmenfeier. Genau deshalb sind Anzüge online ein schwieriges Geschäft mit vielen Retouren — und für den Laden mit Anprobe ein Vorteil. Dazu trägt die Warengruppe Kalkulationsfaktoren von 3 bis 4, während im Textileinzelhandel sonst mit 2 bis 2,7 gerechnet wird.

  • Herrenausstatter mit Anzug-Schwerpunkt: Business, Hochzeit, Festmode — höchster Umsatz pro Kunde
  • Brautmodengeschäft mit Bräutigam-Ecke: Der Bräutigam kommt ohnehin mit, kauft heute aber meist anderswo
  • Änderungsschneiderei mit Konfektionsständer: Kundschaft und Anpassung sind schon da, es fehlt nur die Ware
  • Boutique oder Concept-Store mit einer kleinen, kuratierten Anzuglinie als Margenanker

Anmeldung und Steuern: was Sie 2026 wirklich erledigen müssen

Für ein Einzelunternehmen ist der Weg kurz. Sie melden das Gewerbe beim Gewerbeamt Ihrer Gemeinde an; die Gebühr regelt jede Kommune selbst und liegt meist zwischen 15 und 65 € — etwa 20 € in Hamburg, 26 € in Berlin (online günstiger) und 47 € in München. Das Gewerbeamt informiert Finanzamt und IHK automatisch. Anschließend reichen Sie über ELSTER den Fragebogen zur steuerlichen Erfassung ein und beantragen dabei die Umsatzsteuer-Identifikationsnummer, die Sie für den Einkauf bei Lieferanten in anderen EU-Ländern brauchen.

Mit der Anmeldung werden Sie Mitglied der IHK. Existenzgründer — natürliche Personen ohne Eintrag im Handelsregister, deren Gewerbeertrag 25.000 € nicht übersteigt — sind in den ersten beiden Jahren vom IHK-Beitrag befreit und im dritten und vierten Jahr von der Umlage. Bei der Gewerbesteuer gilt für Einzelunternehmen ein Freibetrag von 24.500 € Gewerbeertrag; in den ersten Jahren zahlt ein kleiner Laden deshalb oft keine Gewerbesteuer.

Die wichtigste steuerliche Entscheidung ist die Kleinunternehmerregelung. Seit 2025 gilt sie, wenn der Umsatz im Vorjahr höchstens 25.000 € betrug und im laufenden Jahr 100.000 € nicht übersteigt; wird die 100.000-€-Grenze überschritten, endet sie sofort. Für einen Laden, der Anzüge ab 300 € verkauft, ist sie selten sinnvoll: Schon rund 85 Anzüge ergeben mehr als 25.000 € Umsatz, und als Kleinunternehmer ziehen Sie keine Vorsteuer aus Ladenbau, Kasse und Wareneinkauf. Beim Einkauf in anderen EU-Ländern gelten für Kleinunternehmer zudem Sonderregeln (Erwerbsschwelle 12.500 €) — klären Sie das vor der ersten Order mit Ihrem Steuerberater.

  • Gewerbeanmeldung: 15–65 € je nach Gemeinde, Bundesschnitt rund 30 €
  • Fragebogen zur steuerlichen Erfassung über ELSTER, USt-IdNr. für den EU-Einkauf
  • Elektronische Kasse: zertifizierte TSE ist Pflicht, die Kasse wird dem Finanzamt über ELSTER gemeldet
  • Versand an Endkunden: Registrierung im Verpackungsregister LUCID vor dem ersten Paket
  • Betriebshaftpflicht und Inhaltsversicherung für Ware und Einrichtung

Was kostet es, ein Modegeschäft zu eröffnen? Eine Beispielrechnung

Die großen Posten sind nicht die Behörden, sondern Miete, Einrichtung und Ware. Ladenmieten unterscheiden sich zwischen der Nebenlage einer Kreisstadt und der Einkaufsstraße einer Großstadt um ein Vielfaches. Wir rechnen deshalb mit einem ausdrücklich angenommenen Beispiel: 60 m² Ladenfläche in einer Nebenlage für 1.000 € Kaltmiete im Monat, schlichte Einrichtung, Schwerpunkt Herrenanzüge.

In Summe landet dieses kleine, konzentrierte Herrenmodegeschäft bei rund 16.500 bis 24.500 € Startkapital, inklusive drei Monaten Reserve. Zum Vergleich: Franchise-Standorte bekannter türkischer Anzugmarken wie Damat oder Ramsey beginnen in Europa bei Einstiegsinvestitionen ab etwa 50.000 €, dazu kommen Ladenbauvorgaben und Abnahmepflichten.

  • Mietkaution, drei Kaltmieten (Annahme): 3.000 €
  • Einrichtung schlicht oder gebraucht — Kleiderstangen, Spiegel, Umkleide, Theke, Licht: 4.000–8.000 €
  • Kassensystem mit TSE und Kartenterminal: 500–1.500 €
  • Erster Warenbestand Anzüge (Startpaket): 3.000–5.000 €
  • Schild, Fotos, Google-Unternehmensprofil, Eröffnungswerbung: 1.000–2.000 €
  • Liquiditätsreserve für drei Monate Fixkosten: mindestens 5.000 €

Wareneinkauf: der Punkt, an dem die meisten neuen Läden scheitern

Behördengänge und Ladenbau sind einmalig und planbar. Die Ware ist es nicht: Jede Größe, die nach sechs Monaten noch am Ständer hängt, geht in den Sale und frisst die Marge der gut laufenden Teile. Klassische Anzugmarken arbeiten mit Vororder und sechs Monaten Vorlauf. Für einen Laden ohne Verkaufshistorie bedeutet das, Größen und Farben für eine Kundschaft zu schätzen, die man noch gar nicht kennt — und viele Marken eröffnen Neugründern ohne Order-Historie gar nicht erst ein Konto.

Drei Regeln aus unseren eigenen Läden: Erstens schmal anfangen — Navy, Schwarz und Anthrazit tragen erfahrungsgemäß rund 70 % des Anzugumsatzes. Zweitens die Größenkurve auf die Mitte legen (48 bis 54) und Randgrößen nicht selbst vorhalten, sondern schnell nachziehen können. Drittens nur bei Lieferanten kaufen, die Lagerware führen und einzelne Größen nachliefern, damit Sie nachbestellen, was sich bei Ihnen tatsächlich dreht. Einen Vergleich der fünf Bezugsquellen — Ordertermin, B2B-Plattform, Restposten, Direktimport und Hersteller — finden Sie in unserem Beitrag zum Textilgroßhandel für Wiederverkäufer.

Fachhändler werden ohne Franchise-Gebühr: so arbeiten wir mit neuen Läden

Pomandi entwirft Anzüge in Genk, eine Autostunde von Aachen, lässt sie seit über zehn Jahren in denselben türkischen Betrieben fertigen und verkauft sie in eigenen Läden in Belgien für 300 bis 500 €. Neue und bestehende Geschäfte in Deutschland beziehen dieselbe Ware als Fachhändler zum Einkaufspreis von 80 bis 100 € pro Anzug — ohne Eintrittsgebühr, ohne Systemgebühr, ohne Mindestumsatz. Die Erstorder liegt typischerweise bei 10 bis 20 Anzügen, geliefert aus lagernder Ware in 2 bis 5 Werktagen; mit gültiger USt-IdNr. innergemeinschaftlich mit 0 % MwSt.

Für Gründer gibt es Startpakete mit 1.000, 3.000 oder 5.000 € Warenwert und kuratierter Größen- und Farbverteilung, auf Wunsch mit Hochzeitsanteil. Der entscheidende Unterschied zum klassischen Einkauf ist der gemeinsame Warenpool: Alle Partnergeschäfte sehen den Bestand des Netzwerks. Fragt ein Kunde nach Größe 56 im Smoking, ziehen Sie das Teil binnen 24–48 Stunden von uns oder einem anderen Partner, statt es selbst auf Lager zu legen. Und was bei Ihnen nicht läuft, wandert dorthin, wo es gefragt ist.

  • Einkaufspreis 80–100 € pro Anzug, empfohlener Verkaufspreis 300–500 €
  • Zweiteiler, Dreiteiler, Smokings, Hochzeitsanzüge, Hemden und Accessoires in EU 44–62
  • Keine Franchise-Gebühr, keine Vororder, keine Jahresabnahme
  • Musteranzug zum Einkaufspreis vorab, wird bei der Erstorder verrechnet

Die Kalkulation der ersten 20 Anzüge — und was davon übrig bleibt

Eine nüchterne Rechnung für die Startphase, als Regelbesteuerer: 20 Anzüge zu je 90 € Einkaufspreis kosten 1.800 € netto. Verkauft zu 349 € bringt jeder Anzug nach 19 % Umsatzsteuer 293 € netto, 20 Stück also rund 5.865 € Nettoerlös und 4.065 € Rohertrag — ein Faktor von 3,3 auf den Nettopreis. Geht ein Viertel der Anzüge im Sale für 199 € weg, bleiben immer noch rund 3.400 € Rohertrag.

Rohertrag ist aber nicht Gewinn. Mit 1.000 € Miete, Nebenkosten, Versicherung und Kasse braucht der Beispiel-Laden grob 1.600 bis 2.000 € Rohertrag im Monat, bevor der Inhaber etwas verdient — das sind acht bis zehn Anzüge bei voller Marge, dazu Hemden, Krawatten und Änderungen. Erreichbar ist das mit einem klaren Anlassprofil, einem gepflegten Google-Unternehmensprofil und Kooperationen mit Brautmodengeschäften, Fotografen und Hochzeitslocations in der Region. Ohne diese Kanäle wird es auch mit guter Marge eng.

Checkliste: die ersten 90 Tage bis zur Eröffnung

  • Woche 1–2: Profil festlegen, Standorte vergleichen, Beispielrechnung mit eigenen Mietzahlen durchspielen
  • Woche 3–4: Gewerbe anmelden, steuerliche Erfassung und USt-IdNr., Geschäftskonto, Kleinunternehmer-Frage mit Steuerberater klären
  • Monat 2: Mietvertrag, Einrichtung, Kasse mit TSE, Musteranzug bestellen und Qualität prüfen
  • Monat 3: Startpaket ordern, Google-Unternehmensprofil anlegen, Brautmoden und Fotografen in der Umgebung ansprechen, eröffnen

FAQ

Wie viel Startkapital brauche ich für ein kleines Modegeschäft?
In unserer Beispielrechnung (60 m² in Nebenlage, schlichte Einrichtung, Anzug-Startpaket) rund 16.500 bis 24.500 € inklusive drei Monaten Reserve. Die größten Hebel sind Lage und Einrichtung. Beim Warenbestand senkt ein Lieferant mit Nachorder und Warenpool das nötige Kapital deutlich, weil Sie nicht jede Größe selbst vorhalten müssen.
Brauche ich eine Ausbildung oder Genehmigung für ein Modegeschäft?
Nein. Der Einzelhandel mit Bekleidung ist ein erlaubnisfreies Gewerbe, eine Gewerbeanmeldung genügt. Für Änderungen an Anzügen brauchen Sie allerdings eine Schneiderin oder einen Schneider — als Mitarbeiter oder als Kooperationspartner in der Nähe.
Lohnt sich die Kleinunternehmerregelung für einen Anzugladen?
Meist nicht. Die Grenze liegt seit 2025 bei 25.000 € Vorjahresumsatz und 100.000 € im laufenden Jahr, und bei Anzügen ab 300 € ist sie schnell erreicht. Als Regelbesteuerer ziehen Sie dagegen die Vorsteuer aus Einrichtung und Ware ab. Beim EU-Einkauf gelten für Kleinunternehmer Sonderregeln — lassen Sie das vor dem Start prüfen.
Gibt es bei Pomandi wirklich keine Franchise-Gebühr?
Ja. Sie zahlen ausschließlich die Ware zum Einkaufspreis von 80–100 € pro Anzug. Die Startpakete über 1.000, 3.000 oder 5.000 € sind reiner Warenwert mit kuratierter Größenverteilung. Es gibt keine Eintrittsgebühr, keine Systemgebühr, keine Umsatzvorgabe und keine Laufzeitbindung.
Kann ich auch nur mit einem Online-Shop starten?
Ehrlich gesagt passt das zu unserem Modell schlecht. Anzüge verkaufen sich dort am besten, wo Kunden anprobieren und beraten werden, und unsere Preisstruktur ist auf den stationären Verkauf ausgelegt. Ein Online-Shop als Ergänzung zum Laden ist dagegen sinnvoll — denken Sie dann an die LUCID-Registrierung für Versandverpackungen.

2026-09-11